Gesundheit

Wasseraufbereitung mit einem kleinen Schubser

Am 3 Mai, 2019

Gute Nachrichten Water_pouring_on_hand

Aus Mangel an aktuellen Working Papers, die wir als Good News erachten, müssen wir diese Woche auf eine Studie zurückgreifen, die bereits Anfang April erschienen ist. Diese Studie kommt aus dem Teilbereich der Wirtschaftswissenschaften, der sich Behavioral Economics oder Verhaltensökonomie nennt und in den letzten Jahren immer mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat.

Behavioral Economics kann als Schnittbereich von Psychologie und Wirtschaftswissenschaften verstanden werden. Die Idee des stets rational-handelnden homo oeconomicus wird hinterfragt und auf viele impulsive oder nicht-rationale Entscheidungen verwiesen. Zu den bekanntesten solcher Denkfehler gehört zum Beispiel der Bestätigungsfehler: Informationen werden so ausgewählt und interpretiert, dass die eigenen Erwartungen erfüllt werden.

Ein Denkfehler, der zentral für die Verhaltensökonomie ist, ist der sogenannte „Present Bias“. Damit wird zeit-inkonsistentes Verhalten beschrieben, bei welchem zu viel Wert auf die Gegenwart gelegt wird. Dieser Denkfehler liefert zum Beispiel eine Erklärung für Prokrastination – das Hinausschieben von (unangenehmen) Aufgaben. Da es sich aber um psychologische Probleme handelt, liegen psychologische Lösungsversuche nahe: „Nudges“ – kleine Schubser – sind Versuche, besonders problematische Denkfehler auf simple Weise zu verhindern.

Die Arbeit, die wir folgend vorstellen wollen behandelt den Present Bias in der Nachfrage nach präventiven Gesundheitsmaßnahmen. Während der Denkfehler in Europa erst ab fortgeschrittenem Alter zu Problemen führt, kann er in anderen Teilen der Welt besonders für Kinder tödlich enden. Durchfallkrankheiten endeten 2015 für rund eine halbe Millionen Kinder im Alter von ein bis fünf Jahren tödlich. Und dass obwohl präventive Gesundheitsmaßnahmen in der Form von Wasseraufbereitung in vielen Fällen verfügbar werden.

Die ÖkonomInnen Haushofer, John und Orkin untersuchten die Wirksamkeit unterschiedlicher Nudges auf Wasseraufbereitungen in einem Feldexperiment in Kenia. Die Vorgehensweise ist dabei vergleichbar mit Medikamentenstudien: 3750 junge kenianische Frauen wurden zufällig einer von vier Gruppen – drei Behandlungsgruppen und eine Kontrollgruppe – zugewiesen.

Die drei Behandlungsgruppen wurden in einer Gruppensitzung über die Vorteile von Wasseraufbereitung informiert. Zusätzlich sollte die erste Gruppe in zwei weiteren Sitzungen mögliche Szenarien für ihre persönliche Zukunft diskutieren, um die Zukunft greifbarer zu machen. Die zweite Gruppe sollte in zwei weiteren Sitzungen lernen, Pläne für ihren Alltag zu gestalten, um gewisse Aufgaben regelmäßig zu erledigen. Die dritte Gruppe erhielt keine weitere psychologische Intervention. Die vierte Gruppe diente als Kontrollgruppe und erhielt keine Information zur Wasseraufbereitung.

Zwölf Wochen nach diesen Gruppensitzungen ist der Anteil an Haushalten, die ihr Wasser aufbereiten in der ersten Gruppe um 27% und in der zweiten Gruppe um 18% höher als in der Kontrollgruppe. Die Anzahl an Durchfallkrankheiten sank dadurch um jeweils 35% beziehungsweise 26%. Zwischen Gruppe 3 und der Kontrollgruppe konnte dagegen kein Unterschied gefunden werden.

Diese Studie zeigt einerseits eine weitere Möglichkeit auf, wie dafür gesorgt werden kann, dass die weltweit rund zwei Milliarden Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser einen solchen Zugang erhalten. Wenn wir den Bogen weiterspannen, zeigt diese Arbeit auch, wie die Nachfrage nach präventiven Gesundheitsmaßnahmen allgemein gesteigert werden kann.

Vor allem liefert diese Arbeit aber ein Beispiel, wie komplexe Probleme auf simplen Fehlern beruhen können und wie in diesen Fällen wiederum simple Lösungen helfen. In diesem Fall wurde die Infrastruktur zur Wasseraufbereitung nicht verwendet, ehe weiter darüber informiert wurde. Am Ende ist das eine Lösung für – wie es Sendhil Mullainathan, seines Zeichens selbst Verhaltensökonom bezeichnete – das „Last Mile Problem“. Das „Last Mile Problem“ beschreibt die Schwierigkeiten kurz vor erreichen eines gesellschaftlichen Ziels. Die technischen Mittel sind zwar vorhanden, doch die Umsetzung wird durch psychologische Faktoren verlangsamt oder sogar verhindert. Simple psychologische Maßnahmen können das Problem lösen und wie in diesem Fall die Welt etwas verbessern. Das halten wir für absolute Good News.

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